Warum kann die Forschungsquote steigen, obwohl das BIP sinkt?
Die Forschungsquote hängt von zwei Größen ab: den Ausgaben für Forschung und Entwicklung und dem nominalen BIP. Rechenbeispiele zeigen, weshalb eine höhere Quote nicht automatisch mehr Forschungsgeld bedeutet.
Eine steigende Quote braucht nicht immer steigende Ausgaben
Die Forschungsquote setzt die im Inland durchgeführten Ausgaben für Forschung und Entwicklung ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Sie kann steigen, wenn die FuE-Ausgaben zunehmen. Sie kann aber auch steigen, wenn das BIP sinkt und die FuE-Ausgaben gleich bleiben. Entscheidend ist, wie sich Zähler und Nenner zueinander verändern.
Forschungsquote = interne FuE-Ausgaben im Inland ÷ nominales BIP desselben Jahres × 100
Die OECD beschreibt den Indikator als Bruttoinlandsausgaben für FuE, unter anderem ausgedrückt als Anteil am BIP. Die Quote beschreibt den relativen Umfang der Ausgaben. Sie misst für sich genommen weder Forschungsqualität noch den Erfolg einer einzelnen Fördermaßnahme.
Gleiche Forschungsausgaben, unterschiedliche Forschungsquote
Die folgenden Werte sind frei gewählte Rechenbeispiele, keine Deutschlanddaten und keine Prognose. Beide Geldbeträge stehen jeweils in Milliarden Euro zu laufenden Preisen.
| Fall | FuE-Ausgaben | Nominales BIP | Forschungsquote |
|---|---|---|---|
| Ausgangspunkt | 100 | 4.000 | 2,50 % |
| BIP sinkt, Ausgaben bleiben gleich | 100 | 3.800 | 2,63 % |
| BIP steigt, Ausgaben bleiben gleich | 100 | 4.200 | 2,38 % |
| Beide Beträge steigen um 10 % | 110 | 4.400 | 2,50 % |
Im zweiten Fall werden unverändert 100 Milliarden Euro für FuE ausgegeben. Trotzdem steigt die Quote von 2,50 auf gerundet 2,63 Prozent, weil das BIP kleiner wird. Im letzten Fall stehen dagegen mehr Euro für Forschung zur Verfügung, während die Quote gleich bleibt. Eine einzelne Prozentzahl erzählt deshalb nur einen Teil der Entwicklung.
Eine Rezessionsmeldung erklärt den Nenner noch nicht
Die Forschungsquote bezieht sich auf das nominale BIP, also auf einen Geldwert zu jeweiligen Preisen. Aussagen über Wirtschaftswachstum beziehen sich häufig auf das preisbereinigte, reale BIP. Beide Größen können sich unterschiedlich entwickeln. Destatis weist das BIP in jeweiligen Preisen und seine preisbereinigte Veränderung getrennt aus.
Ein Rückgang des realen BIP beweist daher nicht, dass auch der nominale Nenner der Forschungsquote gesunken ist. Für einen konkreten Jahresvergleich braucht es die tatsächlich verwendeten nominalen FuE-Ausgaben und das nominale BIP desselben Jahres. Ein nominal gestiegener FuE-Betrag belegt außerdem noch keinen gleich großen Zuwachs an realen Forschungsleistungen.
Dass der Nenner eine Quote verändern kann, zeigt auch eine historische Einordnung von Eurostat in „Key figures on Europe 2022“, Abschnitt Forschung und Entwicklung: Dort wird der Anstieg der EU-Forschungsintensität im Jahr 2020 mit nahezu unveränderten FuE-Ausgaben und einem starken BIP-Rückgang erklärt. Das ist eine Einordnung dieses damaligen EU-Zeitraums, keine Erklärung jedes späteren deutschen Jahreswerts.
Warum dieselbe Jahresquote später anders aussehen kann
Eine Quote kann sich auch nachträglich verändern. Werden die Forschungsaufwendungen oder das zugrunde gelegte BIP revidiert, ändert sich unter Umständen ihr Verhältnis. Eine andere Prozentzahl muss deshalb nicht bedeuten, dass nachträglich zusätzliche Forschung stattgefunden hat.
Die BMFTR-Tabelle zu den Bruttoinlandsausgaben nennt neben der Zeitreihe auch ihren BIP-Berechnungsstand und methodische Hinweise. Beim Vergleich zweier Veröffentlichungen gehören Berichtsjahr, Quellenfassung und Bezugsgröße deshalb zusammen. Ein neuerer Zähler und ein älterer Nenner ergeben nicht automatisch die amtlich veröffentlichte Quote.
Was eine höhere Quote für den Zielcheck bedeutet
Wenn das politische Ziel als BIP-Anteil formuliert ist, bleibt die passend definierte Forschungsquote der Maßstab. Der Einfluss des Nenners macht die Quote nicht falsch. Er begrenzt aber die Aussagen, die sich aus einer Annäherung an das Ziel ableiten lassen.
Für die Einordnung sollten absolute Ausgaben, Quote, Datenstand und Finanzierungsherkunft getrennt betrachtet werden. Die Quote allein belegt weder eine bestimmte politische Ursache noch zusätzliche Bundesmittel. Wer finanziert und wer die Forschung durchführt, erklärt der ergänzende Artikel.
Die aktuellen bei Politikfolgen gespeicherten Werte finden Sie bei FuE-Ausgaben am BIP. Der 3,5-Prozent-Zielcheck stellt den Stand dem politischen Ziel gegenüber; die vollständige Reihe mit Fassungen steht unter Daten und Quellen.
Zum Original nachlesen
- OECD: Definition der Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung ↗
- BMFTR Tabelle 1.1.1: FuE-Ausgaben, BIP-Anteile und Berechnungsstand ↗
- Eurostat: Key figures on Europe 2022, Forschung und Entwicklung ↗
- Destatis: BIP in jeweiligen Preisen und preisbereinigte Veränderung ↗
Die Quellen belegen Messdefinitionen und fachliche Abgrenzungen. Rechenbeispiele sind ausdrücklich als solche gekennzeichnet. Wie wir Datenstände und Korrekturen behandeln, steht in unserer Methodik.